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Titel (Recht)
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Als Titel (auch Rechtstitel; englisch title, französisch titre) werden in der Rechtswissenschaft besondere Urkunden bezeichnet, mit denen bestimmte AnsprĂŒche rechtskrĂ€ftig festgestellt werden. Dabei kann es sich zum Beispiel um den Nachweis einer Forderung als Voraussetzung fĂŒr die Zwangsvollstreckung handeln; um behördliche oder notarielle Urkunden; zum anderen um eine Auszeichnung fĂŒr besondere Verdienste; um bestimmte Aufenthaltserlaubnisse fĂŒr Nicht-EU-BĂŒrger in der EuropĂ€ischen Union; oder auch um die Anerkennung traditioneller Besitz- und Nutzungsrechte an Land wie beim australischen Native Title der Aborigines.
Contents
âą Geschichte
âą Rechtstitel
âą Aufenthaltstitel
âą Sonstiges
âą International
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Geschichte
Das Wort Titel stammt aus dem römischen Recht (lateinisch titulus, âVereinbarung, Vertragâ oder als Metapher fĂŒr âEhre(nname), Ruhmâ sowie âAuf- oder Inschriftâ). Der rechtmĂ€Ăige Titel (lateinisch titulus iustus) ist der Inbegriff derjenigen Tatsachen, welche den darauf gegrĂŒndeten Besitz an Sachen als einen rechtmĂ€Ăigen charakterisieren. Solche Tatsachen waren dingliche VertrĂ€ge mit darauf folgender Ăbergabe.cite-ref-1[1] Das römische Recht verstand unter Titel meist einen Vertrag mit Besitzerwerb wie den Kaufvertrag (lateinisch titulus pro emptore), die Schenkung (lateinisch titutulus pro donato), Ersitzung (lateinisch titulus pro dote), die Zahlung von Schulden (lateinisch titulus pro soluto), ferner den Erbfall (lateinisch titulus pro herede), das VermĂ€chtnis (lateinisch titulus pro legato) sowie Aufgabe der Sache durch den bisherigen Besitzer (lateinisch titulus pro derelicto). Zum Erwerb des Eigentums gehörte ein Grund der Möglichkeit (der titulus) und ein Grund der Wirklichkeit (lateinisch modus acquirendi). Das spĂ€te römische Recht entwickelte die titulus-modus-Lehre von der EigentumsĂŒbertragung, wonach der Vertrag den Rechtsgrund der EigentumsĂŒbertragung (titulus) und der modus die BesitzĂŒbergabe enthĂ€lt.
Im SpĂ€tmittelalter befassten sich zwei Geistliche mit dem Wort titulum, die es fĂŒr ihre Zwecke auslegten. Im Jahre 1594 griff der Dominikaner-Mönch Domingo de Soto die römische Lehre vom âtitulusâ fĂŒr göttliche Sachen auf,cite-ref-2[2] 1614 erlĂ€uterte der Jesuit Luis de Molina die vier legitimen Rechtstitel der Sklaverei.cite-ref-3[3]
Der Rechtstitel tauchte ersichtlich erstmals 1769 in der Constitutio Criminalis Theresiana auf.cite-ref-4[4] Im Jahre 1783 galt der Titel als Rechtsgrund fĂŒr den Erwerb eines dinglichen Rechtscite-ref-5[5] und Pedant zum Modus, einer gesetzlichen Erwerbungsart. FĂŒr das Allgemeine PreuĂische Landrecht (PrALR) vom Juni 1794 galt als Titel der âgesetzliche Grund, vermöge dessen eine Handlung oder Begebenheit die Kraft hat, dass dadurch das Recht [auf eine Sache] erworben werden kannâ (I 2, § 132 PrALR). Der Titel eines Rechts auf fremde Sachen ist das persönliche Recht, aus dem durch die hinzukommende Erwerbungsart ein Recht auf die Sache entsteht (I 2, § 133, 134 PrALR). Der römische modus hieĂ Erwerbungsart und galt als die Handlung oder Begebenheit, wodurch jemand ein Recht auf eine Sache erlangt (I 2, § 131 PrALR).
Die titulus-modus-Lehre des römischen Rechts findet sich ausdrĂŒcklich im französischen Code civil (CC) vom MĂ€rz 1804 oder im österreichischen ABGB vom Januar 1812. Ab 1873 verwendete man in Deutschland dingliches Recht und Titel als Synonyme.cite-ref-6[6]cite-ref-7[7] Johann Ludwig KlĂŒber stellte 1817 fest, dass das Kirchengut derjenigen Religion gehört, die es durch einen Rechtstitel erworben hat.cite-ref-8[8] Das deutsche BGB vom Januar 1900 setzte die titulus-modus-Lehre im Trennungsprinzip um und trennte das VerpflichtungsgeschĂ€ft (den âTitelâ) vom VerfĂŒgungsgeschĂ€ft (dem âModusâ).
Rechtstitel
Das Wort Titel kann auch die AbkĂŒrzung von Rechtstiteln, insbesondere Vollstreckungstiteln sein. Allgemein unterscheidet man zwischen nicht vollstreckbaren und vollstreckbaren Titeln, je nachdem, ob aus ihnen eine Zwangsvollstreckung betrieben werden kann oder nicht:
âą Nicht vollstreckbare Titel
âą RechtskrĂ€ftige Urteile im Zivilrecht, sofern sie keine Vollstreckungsklausel enthalten (§ 724 ZPO). Aus ihnen kann zunĂ€chst keine Zwangsvollstreckung betrieben werden. Das Gesetz sieht FĂ€lle vor, in denen von einer Vollstreckungsklausel abgesehen werden muss, und zwar beim Vollstreckungsbescheid (§ 796 ZPO), Arrest und der einstweiligen VerfĂŒgung (§§ 929 Abs. 1, § 936 ZPO).
âą Sonstige: Wird die Vollstreckung aus einem nicht vollstreckbaren Titel betrieben, weil irrig eine Vollstreckungsklausel erteilt worden ist, so steht dem Schuldner hiergegen der Rechtsbehelf des § 732 ZPO zu, der dazu fĂŒhrt, dass die erteilte Vollstreckungsklausel aufgehoben wird.
âą Vollstreckbare Titel
âą RechtskrĂ€ftige Urteile im Zivilrecht, die eine Vollstreckungsklausel enthalten (§ 724 ZPO). Wichtigster Vollstreckungstitel ist das Endurteil (§ 704 ZPO). ErfĂŒllt der Beklagte die von ihm im Urteil geforderten Handlungen nicht (§ 887 ZPO), so kann der KlĂ€ger ermĂ€chtigt werden, auf Kosten des Schuldners die Handlung vornehmen zu lassen, oder aus dem Urteil in das Vermögen des Beklagten vollstrecken lassen. Auch aus einstweiligen Anordnungen, aus einem Kostenfestsetzungsbeschluss (§ 795a ZPO in Verbindung mit § 105 ZPO) und aus den fĂŒr vollstreckbar erklĂ€rten SchiedssprĂŒchen öffentlich-rechtlicher Schiedsgerichte, sofern die Entscheidung ĂŒber die Vollstreckbarkeit rechtskrĂ€ftig oder fĂŒr vorlĂ€ufig vollstreckbar erklĂ€rt ist, kann vollstreckt werden (§ 168 VwGO).
âą Vollstreckungstitel im Verwaltungsverfahren des öffentlichen Rechts, etwa Steuer- und GebĂŒhrenbescheide sowie behördliche PfĂ€ndungen. Letztere erfolgen im öffentlichen Recht mittels einer durch die Vollstreckungsbehörde erlassenen PfĂ€ndungsverfĂŒgung. Behörden titulieren ihre Bescheide selbst (Dienstsiegel) und können diese nach Fristsetzung selbst vollstrecken. Zahlt beispielsweise der Steuerpflichtige die im Steuerbescheid mitgeteilten Steuern bis FĂ€lligkeit nicht, kann die Finanzbehörde im Verwaltungsweg nach § 249 Abs. 1 AO eigenstĂ€ndig vollstrecken.
âą Vergleiche im Zivilrecht (§ 794 Abs. 1 Nr. 1 ZPO) beseitigen den Rechtsstreit oder die Ungewissheit der Parteien ĂŒber ein RechtsverhĂ€ltnis im Wege gegenseitigen Nachgebens.
Vollstreckbare Titel mĂŒssen die mit Dienstsiegel versehene Vollstreckungsklausel, die Bezeichnung von GlĂ€ubiger und Schuldner (§ 750 Abs. 1 ZPO) sowie die Unterschrift der ausstellenden Behörde (Gericht) enthalten und gelten so als rechtliche Anordnung. Um die Zwangsvollstreckung durchfĂŒhren zu können, ist mindestens ein vorlĂ€ufig vollstreckbares Urteil, die Erteilung einer Vollstreckungsklausel durch das Prozessgericht und deren Zustellung an den Schuldner erforderlich.
Das Vollstreckungsrecht kennt zudem titelergÀnzende Klauseln (§ 726 Abs. 1 ZPO) sowie titelumschreibende Klauseln (§ 727 ff. ZPO). Bei den ersteren ist die Vollstreckung vom Eintritt einer durch den GlÀubiger zu beweisenden Tatsache abhÀngig, die letztere ermöglicht eine Vollstreckung gegen andere als die im Titel genannten Schuldner (etwa Rechtsnachfolger).cite-ref-9[9]
Titel als Auszeichnung
FĂŒr besondere Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland kann der BundesprĂ€sident nach dem Gesetz ĂŒber Titel, Orden und Ehrenzeichen (OrdenG) vom 26. Juli 1957 Titel, Orden und Ehrenzeichen verleihen. Die Bezeichnung der Titel und die Voraussetzungen ihrer Verleihung mĂŒssen durch Gesetz festgelegt werden (§ 2 Abs. 1 Satz 2 OrdenG). Da es ein solches Bundesgesetz bislang nicht gibt, gibt es auch keine Bundestitel, sondern nur Orden und Ehrenzeichen.cite-ref-10[10] Auch die BundeslĂ€nder haben das Recht, Titel, Orden und Ehrenzeichen zu verleihen (§ 1 Abs. 2 OrdenG). So werden in den meisten BundeslĂ€ndern nichtakademische Titel verliehen, auĂerdem Landesverdienstorden, etwa in Bayern, Berlin oder Rheinland-Pfalz.
Weder akademische Grade wie der Doktorgrad oder nichtakademische Titel noch Amts- und Berufsbezeichnungen sind Titel im Sinne des Ordensgesetzes (§ 2 Abs. 2 OrdenG). Eine Verleihung von Adelstiteln ist in Deutschland seit August 1919 (Art. 109 Abs. 3 Satz 2 der Weimarer Reichsverfassung) nicht mehr möglich. Alle Familien des deutschen Hochadels haben seitdem ihre SouverÀnitÀt verloren.
Die unbefugte FĂŒhrung in- oder auslĂ€ndischer Titel oder bestimmter Berufsbezeichnungen ist nach § 132a StGB ein strafbarer Titelmissbrauch.
Titel als Gesetzesgliederung
Das Wort Titel bedeutet auch die Gliederung von Gesetzen oder sonstigen Rechtsnormen. So ist beispielsweise das umfangreiche BGB in BĂŒcher, Abschnitte, Titel, Untertitel und Kapitel eingeteilt, die die einzelnen Sachgebiete voneinander trennen.
Aufenthaltstitel
Ein Titel im rechtlichen Sinne kann zudem eine europĂ€ische Aufenthaltserlaubnis fĂŒr Nicht-EU-BĂŒrger in der EuropĂ€ischen Union betreffen. AuslĂ€nder bedĂŒrfen gemÀà § 4 Abs. 1 Aufenthaltsgesetz fĂŒr die Einreise und den Aufenthalt im Bundesgebiet eines Aufenthaltstitels, sofern nicht durch EU-Recht oder durch Rechtsverordnung etwas anderes bestimmt ist oder ein sonstiges Aufenthaltsrecht besteht.
Sonstiges
Der Rechtsbegriff Schuldtitel ist einerseits ein Synonym fĂŒr Vollstreckungstitel (z. B. § 124 Abs. 2 HGB) und wird andererseits im Wertpapierrecht fĂŒr Schuldverschreibungen aller Art und Genussscheine verwendet (z. B. § 2 Abs. 1 Nr. 3 WpHG).
International
Wo heute noch Relikte des römischen Rechts vorhanden sind (etwa im Zivilrecht Ăsterreichs, der Schweiz, Frankreichs, Italiens, Spaniens) ist der Titel im frĂŒheren römischen Sinne noch bekannt. In Ăsterreich und der Schweiz ist der Titel ein VerpflichtungsgeschĂ€ft, der Modus das VerfĂŒgungsgeschĂ€ft. So bestimmt § 380 ABGB, dass ohne Titel und ohne gesetzliche Erwerbungsart kein Eigentum erlangt werden kann. Daher ist etwa der Kaufvertrag ein âTitelgeschĂ€ftâ (§ 1062 ABGB), in welchem KĂ€ufer und VerkĂ€ufer korrespondierende Verpflichtungen ĂŒbernehmen. Die Ăbereignung des Kaufgegenstands und des Geldes bilden den Modus. Der Modus als gesetzliche Erwerbungsart ist die Ăbergabe (§§ 426 ff. ABGB) oder die Eintragung ins Grundbuch. In Ăsterreich nennt man auch jede Urkunde Rechtstitel. So verlangt § 799 ABGB, dass der eine Erbschaft Erwerbende dem Gericht den Rechtstitel (Erbvertrag, letztwillige VerfĂŒgung oder Gesetz) nachweisen muss. Im engeren Sinne sind wie in Deutschland die Exekutionstitel ein Rechtstitel.
Die Schweiz kennt zwar in Art. 714 ff. ZGB die Erwerbungsarten wie im römischen Recht, vermeidet aber die Begriffe âTitelâ oder âModusâ.
In Frankreich ist der Rechtstitel (französisch titre) ein gesetzlich anerkannter oder zumindest nicht verbotener Grund, durch den eine Person zum Erwerb eines Gegenstandes berechtigt wird.cite-ref-11[11] Die Rechtstitel grĂŒnden sich teilweise auf unmittelbare gesetzliche Vorschriften wie die Erbschaft (Art. 718 ff. CC), Schenkung (Art. 893 ff. CC), Vertrag (Art. 1104 ff. CC) oder VerjĂ€hrung (Art. 2219 ff. CC). Die Rechtstitel des Erwerbs sind allgemeine (französisch titres universels) oder besondere Rechtstitel (französisch titres particuliers), je nachdem, ob das gesamte Vermögen oder lediglich ein einziger Gegenstand erworben wird.
Im angelsĂ€chsischen Bereich stellt der Rechtstitel (englisch legal title) vor allem ein Eigentumsrecht (englisch legal title to property) dar, wobei der âtitleâ âdas in dem Recht SchĂŒtzendeâ bedeutet. Der EigentĂŒmer hat eine dingliche Berechtigung erga omnes (englisch best title) mit umfassender Rechtsmacht (englisch absolute interest).
Weblinks
Wiktionary: Titel
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Einzelnachweise
cite-note-11. â Franz Bernhöft, Der Besitztitel im Römischen Recht, 1875, S. 12
cite-note-22. â Domingo de Soto, Justitia et Jure libri X, 1594, p. 286/r. 56
cite-note-33. â Luis de Molina De iustitia et iure, Band 1, 1614, Disputatio 33, Sp. 157â165
cite-note-44. â Constitutio Criminalis Theresiana, 1769, S. 31
cite-note-55. â Julius Friedrich Höpfner, Theoretisch-practischer Commentar ĂŒber die Heineccischen Institutionen, 1783, § 392
cite-note-66. â Franz Hofmann, Die Lehre vom titulus und modus adquirendi und von der iusta causa traditionis, 1873, S. 42
cite-note-77. â Franz Förster, PreuĂisches Privatrecht, Teil I, 1892, S. 117
cite-note-88. â Johann Ludwig KlĂŒber, Oeffentliches Recht des teutschen Bundes und der Bundesstaaten, 1817, S. 736
cite-note-99. â Alpmann Brockhaus, Fachlexikon Recht, 2005, S. 1306
cite-note-1111. â Ludwig Frey, Lehrbuch des französischen Civilrechts, Band 1, 1840, S. 219 f.